Balanceakt: Ein Fehltritt könnte den Tod bringen. Mit nackten Füßen und ohne Sicherung wuchtet die Adivasi-Frau geklaute Kohle hinauf an den Kraterrand. Foto: Paul Hahn

Balanceakt: Ein Fehltritt könnte den Tod bringen. Mit nackten Füßen und ohne Sicherung wuchtet die Adivasi-Frau geklaute Kohle hinauf an den Kraterrand. Foto: Paul Hahn

Paul Hahn ist neuer Lehrbeauftragter an der Hochschule Hannover

Mit Paul Hahn hat im kommenden Semester ein weiterer Vollblut-Journalist einen Lehrauftrag am Studiengang „Fotojournalismus und Dokumentarfotografie“ der Hochschule Hannover. Vor über 25 Jahren begann er als freier Fotodesigner zu arbeiten, nachdem er ein Text-Volontariat bei einer Tageszeitung in Süddeutschland abschloss. Zu einem seiner Arbeitsschwerpunkte zählen Foto-Reportagen im entwicklungspolitischen Bereich. 1990 gewann er den Preis des Bundes Freier Fotodesigner (BFF) für die Beste Diplomarbeit Deutschlands mit einer GEO-Reportage über Siebenbürgen in Rumänien. Neben der Reportagefotografie arbeitet Paul Hahn auch in den Bereichen Natur, Umwelt, Porträt- und Reisefotografie, Zeitgeschehen sowie Unternehmenskommunikation und Eventfotografie. 2008 wurde er bei Lead Awards in der Kategorie „Foto des Jahres“ ausgezeichnet. Ein Jahr später war er beim PR-Bild Award in der Kategorie Portrait auf der shortlist der besten zehn Fotos. 2015 gewann er beim Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie den ersten Preis in der Kategorie Einzelfoto. Im kommenden Semester unterrichtet er den Kurs „Auslandsreportage“ am Studiengang. Fotostudenten.de hat Paul vorab drei Fragen gestellt:

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Paul Hahn

fotostudenten.de: Was bedeutet Fotografie für Dich?
Paul Hahn: Das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden: die Kamera hilft mir, mit Menschen in Kontakt zu treten und die Welt zu entdecken mit all ihren Schönheiten und Hässlichkeiten. Diese Begegnungen helfen mir, meinen Standpunkt zu finden, helfen mir, mich auf das zu fokussieren, was mir besonders wichtig und auch in Bildern erzählenswert ist. Dieses sich Fokussieren und Bewusstwerden wird in einer Zeit der schnellen posts, tweets und breaking news immer schwieriger genauso wie das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

fotostudenten.de: Was muss der Fotograf/Fotojournalist von heute mit sich bringen, um erfolgreich zu sein?
Paul Hahn: Er braucht Glück und muss hart arbeiten, um dem Glück eine Chance zu geben. Ich sage das absichtlich etwas flapsig um damit zum Ausdruck zu bringen, dass es nicht um die oder jene Eigenschaften geht, die jemand mitbringen muss. Ich denke, wenn es gelingt, auch auf spielerische Art herauszufinden, welche Stärken man hat, „seine Geschichten, seine Bilder“ zu bekommen, ist viel gewonnen. Mit hart arbeiten meine ich natürlich auch das Weiterentwickeln der Grundvoraussetzungen wie Neugier, langer Atem, Beobachten, Zuhören und auch sich zurücknehmen und einfühlen können. Dazu zählt aber genauso Kontakte aufzubauen und dabei hat man dann Glück und findet einen guten Schreiber, mit dem man gemeinsam Geschichten erarbeiten kann. Meiner Erfahrung nach ist der enge Kontakt von Photograph und Schreiber für beide sehr hilfreich, abgesehen davon, dass gemeinsames Arbeiten oft mehr Spaß macht.

fotostudenten.de: Was möchtest Du den Studierenden beibringen und was sind Deine Tipps für Berufseinsteiger?
Paul Hahn: Das Studium dazu nutzen, vieles auszuprobieren, auch Fehler zu machen um herauszufinden, welches fotografische Gebiet einem wirklich liegt und Spaß macht. Und dann sich auf diesem Gebiet immer weiter zu entwickeln. Sich auch die Arbeit von anderen Fotografen dieses Gebietes anschauen, sich überlegen, wie setzen die verschiedene Themen und Aspekte um. Dies kann helfen, eine eigene Sehweise zu entwickeln und seinen Arbeiten eine eigene Note beizufügen ohne zu kopieren oder platt abzubilden.

Um Paul Hahn auch fotografisch kennen zu lernen, zeigen wir seine Reportage „Der Kampf mit der Kohle“ aus dem indischen Bundesstaat Jharkand. Dort kämpfen die indigenen Ureinwohner Adivasi ums Überleben: Der Energiehunger der indischen Industrialisierung sorgt im Kohlegürtel Jharkhand dafür, dass die Weidegründe und damit die Existenzgrundlage der Adivasi abgebaggert wird. Den Adivasi bleibt nur noch, unter Lebensgefahr in die aufgelassenen Gruben hinabzusteigen und dort die restliche Kohle mit Muskelkraft nach oben zu transportieren. (SF)

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Mit einfachen Werkzeugen und  bloßen Händen holen die Menschen die Kohle aus der aufgelassenen Mine. Für für Minengesellschaft gilt die Grube als erschöpft und das Betreten des Geländes ist streng verboten und strafbar. Aber entsprechende Zuwendungen helfen der Polizei, wegzuschauen.

Mit einfachen Werkzeugen und bloßen Händen holen die Menschen die Kohle aus der aufgelassenen Mine. Für Minengesellschaft gilt die Grube als erschöpft und das Betreten des Geländes ist streng verboten und strafbar. Aber entsprechende Zuwendungen helfen der Polizei, wegzuschauen. Foto: Paul Hahn

In giftige Schwefeldämpfe gehüllt sammelt eine Adivasi Frau mit bloßen Händen abgekühlte Kokskohle ein um sie in Säcke zu packen.

In giftige Schwefeldämpfe gehüllt sammelt eine Adivasi Frau mit bloßen Händen abgekühlte Kokskohle ein um sie in Säcke zu packen. Foto: Paul Hahn

In Jharia bricht an vielen Stellen die glühende Erde auf und lässt ganze Viertel einstürzen. Wegen schlampiger Abbaumethoden kommt Sauerstoff an die unterirdischen Flöze. Durch die Selbstentzündung beginnen sie völlig unkontrolliert zu brennen. Die Menschen sind durch die tödlichen aus dem Untergrund Gase bedroht.

In Jharia bricht an vielen Stellen die glühende Erde auf und lässt ganze Viertel einstürzen. Wegen schlampiger Abbaumethoden kommt Sauerstoff an die unterirdischen Flöze. Durch die Selbstentzündung beginnen sie völlig unkontrolliert zu brennen. Die Menschen sind durch die tödlichen aus dem Untergrund Gase bedroht. Foto: Paul Hahn

Ein mit Kohle beladener LKW der Minengesellschaft verlässt das Tagebaugebiet. Junge Männer aus dem nahegelegenen Slum des Dorfes Kali Basti springen auf die fahrenden Lastwagen und räumen möglichst viel Kohle ab; bevor sie wieder abspringen. Dann wird die Beute weggeschafft.

Ein mit Kohle beladener LKW der Minengesellschaft verlässt das Tagebaugebiet. Junge Männer aus dem nahegelegenen Slum des Dorfes Kali Basti springen auf die fahrenden Lastwagen und räumen möglichst viel Kohle ab; bevor sie wieder abspringen. Dann wird die Beute weggeschafft. Foto: Paul Hahn

Im Slum des Dorfes Kali Basti laden zwei ältere Frau einen schweren Sack mit Kokskohle auf den Kopf einer jungen Frau.

Im Slum des Dorfes Kali Basti laden zwei ältere Frau einen schweren Sack mit Kokskohle auf den Kopf einer jungen Frau. Foto: Paul Hahn

Tortour:Mit 500 Kilogramm Koks auf dem Fahrad quälen sich sogenannte „Schieber“ über Land.

Tortour: Mit 500 Kilogramm Koks auf dem Fahrad quälen sich sogenannte „Schieber“ über Land. Foto: Paul Hahn

Ein Junge transportiert vor dem Hintergrund einer Kokerei Kohle mit einem Büffelgespann.

Ein Junge transportiert vor dem Hintergrund einer Kokerei Kohle mit einem Büffelgespann. Foto: Paul Hahn

Landgier: Bis dicht an den heiligen Hain, in dem die Götter der Adivasi wohnen, wird die Kohle im Tagebau abgebaggert.

Landgier: Bis dicht an den heiligen Hain, in dem die Götter der Adivasi wohnen, wird die Kohle im Tagebau abgebaggert. Foto: Paul Hahn